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Mein Gastbeitrag in der Rheinischen Post

„Höchste Zeit innezuhalten, ob wir auf dem richtigen Weg sind“„Höchste Zeit innezuhalten, ob wir auf dem richtigen Weg sind“

„Höchste Zeit innezuhalten, ob wir auf dem richtigen Weg sind“„Höchste Zeit innezuhalten, ob wir auf dem richtigen Weg sind“

Die Corona Krise hat unser Leben grundlegend verändert. Seit dem Wochenende sind in allen Bundesländern die Bewegungsmöglichkeiten noch weiter eingeschränkt worden. Das öffentliche, soziale und mittlerweile auch wirtschaftliche Leben ist weitestgehend zum Stillstand gekommen.

Man konnte in den letzten 14 Tagen fast den Eindruck bekommen, die Politik befindet sich im Wettstreit darüber, wer schneller zu noch drastischeren Maßnahmen greift.

Angst, bisweilen panische Angst vor dem Virus beherrscht vielerorts die Diskussion, insbesondere in den sozialen Medien.

Ich bin überzeugt, es ist höchste Zeit, einmal innezuhalten, um darüber nachzudenken, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg sind.

Was ist der Sinn all dieser Maßnahmen, die mittlerweile dramatische freiheitsbeschränkende Dimensionen erreicht haben?

Die Kanzlerin hat es in ihrer Rede vom vergangenen Dienstag klar benannt: es geht darum, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, bis eine Therapie oder ein Impfstoff gegen die Krankheit gefunden ist. Dies kann, so die Kanzlerin, viele Monate dauern.

Es geht also, das muss jeder wissen, nicht darum, das Virus gewissermaßen auszurotten. Letztlich werden sich, sofern nicht vorher einen Impfstoff oder eine Therapie gefunden wird, gut zwei Drittel aller Deutschen mit dem Virus infiziert haben – da sind sich praktisch alle Experten einig. Ziel aller Maßnahmen ist es also nicht, eine Infektion für immer zu verhindern, sondern diesen Infektionsprozess maximal zu verlangsamen, um das Gesundheitssystem vor einer Überlastung zu schützen.

Mit anderen Worten bedeutet dies aber auch: je drastischer die Maßnahmen, desto länger werden wir damit leben müssen!

Nach den Worten von Ministerpräsident Laschet geht es bei der Bekämpfung des Coronavirus um „Leben und Tod“. Nach allem, was wir wissen, trifft dies nur auf einen sehr geringen Teil unserer Bevölkerung zu. Für Menschen, insbesondere jüngere, die sich guter Gesundheit erfreuen, führt eine Infektion mit dem Virus in der Regel allenfalls zu leichten Krankheitsverläufen, sofern sie überhaupt Krankheitssymptome ausbilden. Für ältere, insbesondere solche mit Vorerkrankungen, aber ist eine Ansteckung mit dem Virus gefährlich, nicht selten lebensgefährlich! Nach den vorliegenden Statistiken liegt das Durchschnittsalter der in Italien an COVID-19 verstorbenen bei knapp 80 Jahren, 99 % von ihnen waren vorerkrankt.

Ich befürchte, lange wird unser Land einen nahezu vollständigen Shutdown nicht überstehen. Die wirtschaftlichen Folgen zeichnen sich schon heute ab. Die ersten Betriebe im Gaststättengewerbe, in der Hotellerie, im Veranstaltungs- und Schaustellerbereich etc. haben bereits Insolvenz angemeldet. Und auch größere Unternehmen werden einen monatelangen Stillstand des wirtschaftlichen Lebens kaum überstehen, zumal die vollmundig angekündigten großzügigen staatlichen Rettungsschirme mangels staatlicher Einnahmen auf Dauer wohl nicht durchzuhalten sein werden. Aber nicht nur die wirtschaftlichen Konsequenzen werden dramatisch sein. Bereits heute haben wir in den Kommunen eine signifikante Zunahme von Inobhutnahmen und Betretungsverboten infolge häuslicher Gewalt. Dieser Trend wird sich mit Sicherheit weiter verschärfen, je länger wir die Menschen mehr oder weniger einsperren. Und auf Dauer ist auch das solidarische Miteinander der Generationen in Gefahr. Je länger wir Schulen und Universitäten geschlossen halten, je mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze der Pandemiebekämpfung zum Opfer fallen und je dramatischer die hierdurch ausgelösten Hypotheken auf die Zukunft ansteigen, desto mehr werden junge Menschen – so ist zu befürchten – dagegen rebellieren, dass ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt wird zur Abwendung einer Gefahr, die sie „eigentlich“ gar nicht betrifft.

Ich denke, es liegt auf der Hand: es geht nicht, dass wir auf unabsehbare Zeit das gesamte öffentliche Leben stilllegen und die gesamte Bevölkerung in Quarantäne nehmen.

Wir müssen gezielt diejenigen schützen, für die eine Infektion mit dem Virus gefährlich ist.

Aber können wir diese Gruppe, die so genannte „vulnerable Gruppe“ hinreichend genau definieren? in diesem Zusammenhang sollten wir uns noch einmal darüber klar werden, warum es bei allen Anstrengungen, die Corona-Pandemie einzudämmen, ausschließlich geht: es geht darum, unser Gesundheitssystem vor einer Überforderung zu schützen. Und die wäre dann gegeben, wenn gleichzeitig mehr Coronapatienten klinisch betreut oder intensivmedizinisch behandelt werden müssen, als es die Kapazität unseres Gesundheitssystems zulässt. Mittlerweile haben wir viele und einigermaßen aussagefähige Daten, welche Patienten intensivmedizinisch behandelt und beatmet werden müssen. Ich weiß, darunter sind auch jüngere und auf den ersten Blick gesunde – in Italien musste angeblich sogar ein aktiver Marathonläufer infolge einer Corona Infektion beatmet werden. Aber das sind Ausnahmen. Nach allem, was wir wissen, dürfte sich der ganz überwiegende Teil der kritischen Krankheitsverläufe auf einen Personenkreis beschränken, der einen vergleichsweise kleinen Bruchteil der Gesamtbevölkerung ausmacht. Insofern gilt es, auf der Grundlage des verfügbaren Datenmaterials diesen Personenkreis so trennscharf wie möglich zu definieren. Und diesen Personenkreis gilt es dann, ganz gezielt vor jeglichem Infektionsrisiko zu schützen. Dies setzt natürlich zunächst einmal voraus, dass diese Personen wissen, in welcher Gefahr sie sind. Diese Information kann auch ohne weiteres gegeben werden, da praktisch alle Personen, die in diese Risikogruppe fallen, aufgrund ihres Alters und bzw. oder ihrer Vorerkrankungen bereits heute in ärztlicher Behandlung oder Betreuung sind. Insofern liegt es an der Ärzteschaft, ihre Patienten unverzüglich über die Gefahren aufzuklären, die für sie mit einer Infektion verbunden wären. Und selbstverständlich muss es dieser Risikogruppe ermöglicht werden, jeglichen sozialen bzw. körperlichen Kontakt zu vermeiden und dennoch nicht nur „über die Runden zu kommen“, sondern soweit wie möglich am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Dies ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir – davon bin ich zutiefst überzeugt – bewältigen werden. In Düsseldorf haben wir nämlich die Erfahrung gemacht, dass die Bereitschaft zur Solidarität riesengroß ist. Auf einen Aufruf, durch das Virus besonders gefährdeten Menschen dabei zu helfen, jegliches Ansteckungsrisiko zu vermeiden, haben sich sofort Tausende gemeldet. Und dabei geht es nicht nur darum, notwendige Einkäufe zu erledigen und Medikamente zu besorgen oder den Hund regelmäßig Gassi zu führen; wir sind auch darauf vorbereitet, dort, wo nötig, die Voraussetzungen zu schaffen, dass soziale Kontakte und gesellschaftliche Teilhabe weitgehend gewissermaßen digital simuliert werden kann.

Das Ziel aller Maßnahmen – darin sind sich alle Experten einig und deshalb sei es hier noch einmal wiederholt – ist es, eine Überlastung unseres Gesundheitssystems zu verhindern. Insofern gilt es zunächst einmal zu untersuchen, welche klinischen und intensivmedizinischen Kapazitäten zur Verfügung stehen beziehungsweise kurzfristig zusätzlich geschaffen werden können. In Düsseldorf wurde im Hinblick darauf eine Task Force unter der Leitung unseres Gesundheitsamtes geschaffen, die sicherstellt, dass in allen Kliniken der Stadt – unabhängig von ihrer Trägerschaft – gegenwärtig auf elektive, also verschiebbare Operationen verzichtet wird und dort, wo dies möglich ist, zusätzliche Intensivbetten geschaffen werden, um so auf schwere Krankheitsverläufe infolge einer Corona-Infektion vorbereitet zu sein.

Im Hinblick auf die Frage, ob unser Gesundheitssystem einer Corona-Epidemie standhalten wird, sind letztlich drei Faktoren maßgeblich: 1. Inwieweit gelingt es uns, die „vulnerable Gruppe“ tatsächlich von jeglichem Infektionsrisiko abzuschirmen? 2. Welche klinischen Kapazitäten lassen sich kurz- und gegebenenfalls auch mittelfristig für die Therapie schwerer Krankheitsverläufe darstellen? Und hiervon hängt dann 3. die Frage ab, ob und in welchem Umfang wir durch freiheitsbeschränkende Maßnahmen die Ausbreitung des Virus verzögern müssen.

Entscheidend allerdings bleibt der gezielte Schutz der vulnerablen Gruppe. Jeeffektiver uns dieser gelingt, desto geringer sind die aufzuerlegendenFreiheitseinschränkungen und der hierdurch verursachte wirtschaftliche und soziale Kollateralschaden – und desto schneller haben wir die Epidemie hinter uns.

Es ist gewiss zum gegenwärtigen Zeitpunkt geboten, die Verbreitung des Virus mit allen Mitteln einzudämmen, um Zeit zu gewinnen, die „vulnerable Gruppe“ zu definieren und zu sensibilisieren – und gleichzeitig die Kapazitäten unseres Gesundheitswesens auszubauen! Lange aber werden wir das realistischerweisenicht durchhalten, ohne den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land aufs Spiel zu setzen. Und deshalb gebietet es die politische Verantwortung, dass wir schon heute eine Strategie entwickeln, wann und wie wir das öffentliche Leben in Deutschland wieder hochfahren.

Es stimmt, was der nordrhein-westfälische Gesundheitsminister Laumann gesagt hat: bei dieser Krise geht es ganz wesentlich um die Solidarität mit den Alten und Schwachen. Ihnen droht durch das Virus die größte Gefahr. Ihnen ist aber nicht dadurch geholfen, dass wir auf unabsehbare Zeit alle in Quarantäne nehmen, auch diejenigen, denen an sich keine Gefahr droht, die aber ganz besonders von den Folgen eines Shutdowns betroffen sein werden. Solidarisch ist es nach meiner Überzeugung, die Alten und Schwachen ganz gezielt vor einer lebensgefährlichen Infektion mit dem Virus zu schützen. Und sie dabei nicht allein zu lassen, sondern ihnen bei Vermeidung körperlichen Kontakts größtmögliche Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen – das ist die Herausforderung für eine solidarische Gesellschaft!